In einer selbst als „diskursiv“ bezeichneten Gruppenausstellung zeigt die SCHIRN Kunsthalle Frankfurt noch bis zum 24. September 2017 die Ausstellung „*PEACE — Wie geht Frieden eigentlich?“. Das Veranstaltungsplakat mit einträchtig gestelltem Katz‘-und-Maus-Motiv in weißer Farbe verspricht viel. Antworten auf die im Ausstellungstitel verfasste Kernfrage kann die Installationsschau jedoch nicht bieten und das nicht einmal ansatzweise.

Die SCHIRN Kunsthalle in Frankfurt hat sich seit seiner Eröffnung 1986 zu einer der bekanntesten Ausstellungshäuser Europas gemausert. Obwohl sie über keine eigene Sammlung verfügt, gelingen dem Kuratorium immer wieder international beachtete Ausstellungen und Eigenproduktionen. Derzeit zeigt die SCHIRN die selbst als „diskursiv“ bezeichnete Gruppenausstellung „*PEACE“, die sich der Kernfrage „Wie geht Frieden eigentlich?“ zuwendet.

Eintrittskarte mit Plakatmotiv

Das Plakatmotiv der Ausstellung verspricht viel, sitzen doch die seit eh und je als Metapher für Feindbilder genutzten Tiere Katz‘ und Maus friedlich und einträchtig, gar demütig voreinander, beide mit weißer Fellfarbe, um den Friedensanspruch noch zu unterstreichen. Von diesem Motiv angelockt wird der Besucher der Ausstellung „*PEACE“ gleich die erste Enttäuschung erleben, denn dieses Motiv wird bis auf die Eintrittskarte kein weiteres Mal in der SCHIRN-Ausstellung auftauchen.

Muss ja auch nicht. Schließlich versprechen die Ausstellungstexte einen neuen Blick auf Frieden, gar das Verlassen von (Zitat) „ausgefahrenen Wegen“. Die zeitgenössische Perspektive will keine veralteten Symbole von „Tauben, Regenbögen und blumengeschmückten Gewehren“ zeigen, sondern eben einen aktuellen Blick internationaler Künstler auf den ewig währenden Wunsch der friedlichen Koexistenz. Im Ausstellungstext wird explizit betont, dass Frieden als ein Prozess aus Interaktion und Kommunikation zu verstehen sei. Der neue Friedensfokus verbanne die humanistischen Perspektive hin zur Umwelt: zu Wasser, Pflanzen und Tieren. Für diese Neuausrichtung der Perspektive zeichnen sich in der Gruppenausstellung stellvertretend die Künstler Jan de Cock, Minerva Cuevas, Ed Fornieles, Michel Houellebecq, Surasi Kusolwong, Isabel Lewis, Lee Mingwei, Katja Novitskova, Heather Phillipson, Agnieszka Polska, Timur Si-Qin und „Ulay“ verantwortlich. Neben der reinen Gruppenausstellung und der Schau der Installationen garnieren interaktive Performances, Tanz und Musik die Ausstellung, die noch bis einschließlich 24. September zu sehen ist.

Wer in die Ausstellung startet, wird gleich vom ersten interaktiven Element überrascht, der sogenannten „PeaceWall“. Hier können Besucher ihre ganz eigene Interpretation des Friedensbegriffs veröffentlichen. Die Einträge dort sind geprägt von Hoffnung, philosophischen Ansätzen, eigenen Erfahrungen aber auch schlicht der Lebensfreude über das eigene Gut, in einem friedvollen Teil des Planeten leben zu dürfen. Die „PeaceWall“ bietet ein erstes Gespür für die Erwartungen und Einstellungen des Publikums, die spätestens nach dem Besuch um einiges tiefgründiger wirken, als es die gesamte Ausstellung in seiner Strahlkraft ist.

Peace is the condition under which any human being can live without fear.

Eigener Eintrag auf der PeaceWall der Ausstellung

Öffnet man die Tür zur Ausstellung wartet bereits die zweite Installation, die zur Interaktion auffordert. „The Letter Writing Project“, ursprünglich 1998 geschaffen, wurde für die Ausstellung „*PEACE“ reaktiviert. Sie stammt vom Künster Lee Mingwei und umfasst drei Holzhäuschen, in denen der Besucher aufgefordert ist, Briefe zu schreiben oder einfach nur zu lesen. Die Arbeit soll nach dem Tod der Großmutter Lee Mingweis entstanden sein unter dem Bewusstsein, dass er ihr noch viel hätte sagen wollen. So liegt die Aufforderung auf der Hand, seinen Liebsten an dieser Stelle einen Brief zu schreiben, der dann an einer Klemme an den Wänden der Holzhäuschen angebracht werden soll. Wird der Brief nicht verschlossen, wird er Teil des Kunstwerkes, in dem andere Besucher die mitunter bewegenden Worte nachlesen können, bevor dann alle Briefe am Ende der Ausstellung versandt werden.

Lee Mingwei - The Letter Writing Project

Bereits nach den ersten Schritten in der Ausstellung entdeckt man das große Manko der Ausstellung: der fehlende rote Faden. Auch wenn diese Metapher in Anbetracht der gegenüber von „The Letter Writing Project“ eingebrachten Installation „Golden Ghost (Welcome Back the Spirits)“ von Surasi Kusolwong nicht wortwörtlich zu nehmen ist. Die begeh- und bespielbare Installation aus Fadenresten, Goldketten, Bänken und Spiegeln lädt den Besucher zu einer Performance ein, quasi eine „Spielwiese, auf denen Fragen nach Kunst, Ware und Wert aktiv verhandelt werden“. Ein fachlicher Kontext zum Friedensbegriff erschließt sich an dieser Stelle nicht, auch nicht ein thematischer Zusammenhang mit dem nachbarschaftlich angeordneten „Letter Writing Project“, gar dem so von der SCHIRN Kunsthalle beschworene diskursive Kontext.

Dieser fehlende roten Faden zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Zum einen weil sich dem Besucher bei einigen Werken auch nach dem Studieren der begleitenden Ausstellungsmaterialien beim besten Willen nur äußerst abstrakte Assoziationen zur Begrifflichkeit von Frieden ziehen lassen, zum anderen weil die konfuse und lieblose Anordnung der Einzelwerke zur einem thematischen Gehopse verkommt, das den Einzelwerken der Ausstellung nicht gerecht wird. Betrachtet man nämlich ausschließlich die Kraft und Energie die Einzelwerke, so sind einige ausdrucksstarke Perlen dieser Ausstellung zu bewundern, wie z.B. die Werke aus der Serie „Whose Water is it?“ des in Solingen geborenen Künstlers „Ulay“, der die Gefahren in der Verknüpfung von wirtschaftlichem Handeln im Kontext der natürlichen Ressource Wasser erfühlbar macht. Aber auch in der Zweikanal-Videoinstallation „Sim Vol. 1: Existential Risk“ von Ed Fornieles, dessen spieltheoretischer Hintergrund Ideen von Chaos und Sprachspielen einbindet.

Ulay - Whose Water is it?
Ed Fornieles - Sim Vol 1

So stark manche Werke auch sind, so fragwürdig sind es andere. Allen voran sei hier Michel Houellebecqs „Salle Clément“ genannt, der seinen Faible für Hunde in einer für seinen verstorbenen Hund Clément ausgestalteten Rauminstallation auslebt. Die Ansammlung von Aquarellbildern, Hundespielzeug und einer digitalen Diaschau lässt zwar den Besucher erahnen, welche emotionale Katastrophe der Künstler beim Tod seines Tieres erleben musste, baut aber keinerlei Brücke zu den drängenden Friedensfragen dieser Welt (außer dass der arme Clément metaphorisch seinen letzten Frieden gefunden haben mag).

Michel Houellebecq - Salle Clement

Artverwandt erscheint hierzu Heather Philippsons „100% Other Fibres“ aus 2016, bei dem eine Mehrkanal-Videoinstallation auf grell beleuchtete Pudelmasken trifft. Während dem Besucher das Werk als absoluter Kontrapunkt zur möglichen Friedensumschreibung erscheint (man assoziiert eher mit einer Geisterbahn), liest sich der Begleittext des Werkes recht konträr dazu und will ein „anderes Verständnis von Natur“ erkennen.

Ebenfalls in nicht zu erschließendem Friedenskontext befinden sich die Werke von Jan de Cock, der unter dem Titel „Everything for You, Frankfurt“ einen „Skulpturenkommunismus“ mit der Schwemme von Kunsthürden aus Beton schuf und in sowie rund um die SCHIRN Kunsthalle ausstellt. Seine Zeitungstreppe vermag ebenso keinen (offensichtlichen) Transfer zur Friedensthematik bieten, wie die Betonbarrikaden im öffentlichen Raum.

Der Duden umschreibt das Wort „diskursiv“ im philosophischen Kontext als „mit von Begriff zu Begriff methodisch fortschreitend“ oder „schlussfolgernd“, in einem bildungssprachlichen Sprachumfeld als „in ausführlichen Diskussionen“ beziehungsweise „Erörterungen methodisch vorgehend“. Alle diese Definitionen haben eines gemeinsam: sie setzen eine Themen-Komparabilität voraus. Diese ist beim besten Willen und beim Berücksichtigen eines möglichen mangelhaften Kunstsachverstandes bei der Ausstellung „*PEACE“ nicht erkennbar.

Resümee: Die Ausstellung „*PEACE“ leidet sehr unter den kuratorischen Schwächen. Die Anordnung der einzelnen Werke erscheint willkürlich, thematische Kontexte erschließen sich kaum. Die Floskel der „diskursiven Ausstellung“ mag sinnbildlich für fehlende Brücken zwischen dem Besucher und einer Annäherung an Frieden und den neuen Friedensbegriff als Prozessorientierung stehen. Die Einzelwerke bilden eine große Amplitude zwischen gelungener Installationskunst mit Tiefgang sowie Kitsch und Fragwürdigkeit ab.