Gedenken

Gedenken – ist Leben
meiner umgebrachten Verwandten
Damals
ist Ewigkeit
ihr Leiden – Tod
sind mein Prisma
durch das ich sehe und alles bremse
das ist nicht nur gestern
das ist morgen und heute
Schmerz, Hass dem Übel
und echte Liebe

Halina Birenbaum, 1991
Übersetzung aus dem Polnischen mit Nea Weissberg-Bob

Text zum Clip:

In diesem Jahr fiel der Gedenktag Jom haScho’a, also der Tag an dem der Opfer der Shoa gedacht wird, auf den 12. April 2018. Ein Datum, an dem der schlimmsten und unvorstellbarste n Verbrechen der NS-Zeit gedacht wird.
Es ist ein Tag, der meiner Meinung nach an Aktualität und Relevanz gewinnt. Über siebzig Jahre nach dem Holocaust müssen wir wieder eine Radikalisierung der Gesellschaft feststellen mit ansteigendem Hass, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie, Homophobie, Ausgrenzung und Abschottung. Ein Tag, der mich sehr nachdenklich macht, in vielerlei Hinsicht.

An Jom haScho’a wurde auch dieses Jahr seitens der Initiative Stolpersteine Frankfurt e.V. zu einer Pflegeaktion aufgerufen. Auch ich habe mich auf den Weg gemacht, an 13 Gedenkorten in den Frankfurter Stadtteilen Eschersheim und Dornbusch die verlegten Stolpersteine zu pflegen und auf Hochglanz zu polieren.

Während der Arbeit an den Gedenkorten mit den Stolpersteinen erwächst in mir ein ungutes Gefühl. Stellen wir uns als Gesellschaft eigentlich konsequent genug gegen diese Formen von Diskriminierung, Hass und Ablehnung? Wo bleibt der Aufschrei eines jeden Einzelnen, wenn fast ein Achtel der Bundesbürger eine klar rechtsradikale Partei wählt? Wo bleiben die klaren Signale, wenn man Musikern mit antisemitischen Botschaften auch noch Preise verleiht? Wo sind die Stimmen, die sich erheben, wenn ganze Orte rechtsradikale Partys feiern? Wo ist die Courage, wenn Muslime oder Juden öffentlich beleidigt, diffamiert und ausgegrenzt werden?

Ich will mich da nicht ausnehmen. Auch ich komme mir erstaunlich stumm vor, als schwömme ich mit im Strom der gesellschaftlichen Lethargie, des Nichtstuns, des Schweigens. Umso wichtiger ist dieser Tag. Vielleicht nutzen wir ihn sehr konsequent, um zu reflektieren, für welche Gesellschaft wir einstehen wollen. Und ob es jetzt nicht wirklich Zeit ist, das auch zu tun. Für eine offene, liberale, freundliche und herzliche, nachhaltige Zukunft und für ein Miteinanderleben, das wir den kommenden Generationen guten Gewissens vorleben können. Damit wir nie wieder in die Lage kommen, solche Verbrechen, wie die des NS-Regimes auf den Plan zu rufen. Nie mehr! Nie mehr!

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