Wir leben in einem der sichersten, wohlhabendsten und sozial am besten abgesicherten Länder der Welt — und benehmen uns zunehmend, als stünde der gesellschaftliche Zusammenbruch unmittelbar bevor. Während der Sozialstaat Millionen Menschen trägt, wächst gleichzeitig der Hass auf genau jene, die ihn am dringendsten brauchen. Je größer der Wohlstand, desto kleiner scheint die Solidarität. Wie kann es sein, dass ausgerechnet in einer Gesellschaft des Überflusses Empathie, Menschlichkeit und gesellschaftlicher Respekt so rapide erodieren?

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Das ist keine Floskel, sondern eine Tatsache. Wer ein für deutsche Arbeitnehmer:innen vergleichsweise kleines Jahreseinkommen von 25.000 Euro bezieht, gehört schon zu den einkommensstärksten 5 % der Welt (Studie von Giving What We Can)? Wer hier lebt, unabhängig davon, ob als Spitzenverdiener:in oder mit geringem Einkommen, gehört im globalen Vergleich zu den privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten. Wir leben in einem Land mit einem historisch gewachsenen Sozialstaat, mit vergleichsweise stabilen Institutionen, mit Gesundheitsversorgung, sozialer Absicherung und einer Infrastruktur, von der ein Großteil der Welt nur träumen kann.

Und trotzdem scheint dieses Land immer unzufriedener, aggressiver und kälter zu werden. Es ist ein bemerkenswertes Paradox: Je größer die gesellschaftliche Sicherheit, desto kleiner scheint die Bereitschaft, diese Sicherheit auch anderen zuzugestehen.

Man könnte meinen, Wohlstand müsste Gelassenheit hervorbringen. Dankbarkeit vielleicht. Oder zumindest ein Grundverständnis dafür, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt auf Solidarität basiert. Stattdessen erleben wir das Gegenteil: eine permanente Nörgelkultur, eine zunehmende Verrohung des gesellschaftlichen Tons und eine politische Verschiebung, in der selbst grundlegende humanistische Positionen plötzlich als naiv, ideologisch oder „linksradikal“ diffamiert werden.

Besonders auffällig ist dabei, wer am lautesten klagt.

Es sind oft nicht diejenigen, die tatsächlich existenziell kämpfen. Nicht die Menschen, die jeden Monat rechnen müssen, ob das Geld reicht. Nicht die Alleinerziehenden, die zwischen Miete, Lebensmitteln und Kinderbetreuung jonglieren. Sondern häufig diejenigen, die zweimal im Jahr in den Urlaub fahren, zwei Autos vor der Haustür stehen haben und im Eigenheim leben. Menschen, die objektiv betrachtet von Stabilität, Sicherheit und Wohlstand profitieren — und trotzdem das Gefühl kultivieren, permanent benachteiligt zu werden.

Vor einem Haus befindet sich eine mit Efeu bewachsene Garageneinfahrt, vor der ein SUV geparkt ist.
Ein typischer Nörgelort. Bild: opollophotography (Pixabay)

Gerade dort scheint die Angst vor Verlust besonders groß zu sein. Nicht, weil real alles zusammenbricht. Sondern weil der eigene Lebensstandard so selbstverständlich geworden ist, dass jede gesellschaftliche Veränderung als Bedrohung wahrgenommen wird.

Wann genau ist es eigentlich passiert, dass man sich dafür rechtfertigen muss, wenn man sagt, dass Menschen auf der Flucht nicht im Mittelmeer sterben dürfen? Wann wurde es zu einer kontroversen Haltung, zu glauben, dass Arbeitslosigkeit kein moralisches Versagen ist? Wann wurde es verhandelbar, dass psychisch kranke oder suchtkranke Menschen Hilfe brauchen und nicht gesellschaftliche Verachtung? Das sind keine Randfragen. Das sind Kernfragen einer zivilisierten Gesellschaft.

Und doch scheint genau dieser Kern zu bröckeln. Besonders auffällig ist dabei der Widerspruch im Verhältnis zum Sozialstaat. Über ihn wird permanent geklagt. Zu teuer, zu ineffizient, zu ungerecht, zu anfällig für Missbrauch. Gleichzeitig ist er das Fundament, auf dem dieses Land seit Jahrzehnten Stabilität aufbaut. Krankenversicherung, Arbeitslosengeld, Rentensysteme, soziale Hilfen all das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist historisch erkämpfter Fortschritt. Aber wehe, wenn kein Arzttermin in den nächsten Tagen frei ist…

Aber Fortschritt hat offenbar ein Problem: Sobald er zur Normalität wird, verliert er seinen Wert im Bewusstsein der Menschen. Man sieht nicht mehr, was da ist. Man sieht nur noch, was vermeintlich fehlt.

Vielleicht ist das der Kern der Wohlstandsverwahrlosung: Nicht der Besitz von Reichtum, sondern der Verlust der Fähigkeit, ihn einzuordnen. Wer Sicherheit nur noch als Grundzustand kennt, empfindet jede kleine Unsicherheit als Krise. Wer Wohlstand nie als Ausnahme erlebt hat, nimmt jede Einschränkung als Zumutung wahr. Und wer soziale Absicherung als selbstverständlich betrachtet, beginnt irgendwann, sie anderen zu missgönnen.

Genau dort setzen rechte Kräfte an, fischen fleißig nach denjenigen, denen es unter einer rechtsradikalen Regierung erst recht nicht besser gehen wird. Feindbilder für komplexe gesellschaftliche Probleme reichen dazu schon: Geflüchtete, Bürgergeldempfänger, psychisch Erkrankte, „die da unten“, „die da oben“, „die Fremden“, „die Faulen“. Das Prinzip ist immer dasselbe: gesellschaftliche Unsicherheit wird kanalisiert, indem man Schwächere gegeneinander ausspielt. Und gerade die, die eigentlich für die gesellschaftliche Mitte stehen müsste (I’m calling you out, CDU!), sind der größte Treiber dessen.

Das Erschreckende ist längst nicht mehr nur die Existenz dieser Rhetorik. Erschreckend ist, wie tief sie in die gesellschaftliche Mitte eingesickert ist. Wenn heute ein großer Teil der Bevölkerung Parteien unterstützt, die offen oder strukturell den Sozialstaat abbauen wollen, während gleichzeitig genau über soziale Unsicherheit geklagt wird, dann ist das nicht nur politisch widersprüchlich. Es ist Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Orientierungsverlustes.

Besonders deutlich zeigt sich das in Ostdeutschland. Dort ist die Zustimmung zu rechtsradikalen Positionen besonders hoch. Trotz massiver Investitionen, trotz aufgebauter Infrastruktur, trotz jahrzehntelanger Transfers. Natürlich gibt es dort spezifische historische und biografische Gründe: Entwertungserfahrungen, Strukturbrüche, Repräsentationslücken, Westdeutsche, die sich die Taschen nach der Wende vollgestopft haben. Aber auch das erklärt nicht vollständig, warum ausgerechnet dort der Hass auf gesellschaftliche Solidarität oft am lautesten artikuliert wird.

Vielleicht, weil Wohlstand alleine keine politische Reife erzeugt. Vielleicht, weil Sicherheit nicht automatisch Empathie hervorbringt. Vielleicht sogar, weil dauerhafte Stabilität die Illusion erzeugt, man habe all das aus eigener Kraft verdient. Und andere hätten es entsprechend nicht verdient. Das ist die gefährlichste Form gesellschaftlicher Verwahrlosung. Nicht die materielle. Die moralische.

Denn Gesellschaften zerfallen nicht zuerst an Armut. Sie zerfallen daran, dass sie aufhören, sich füreinander verantwortlich zu fühlen. Wenn Menschenwürde wieder zur Verhandlungssache wird, wenn Mitleid als Schwäche gilt und Solidarität als Belastung, dann ist Wohlstand nur noch Fassade.

Vielleicht sollten wir uns weniger fragen, was dieses Land angeblich alles verloren hat. Und mehr, was wir bereit sind, von unserem Menschsein aufzugeben.

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