Weihnachten – auch dieses Jahr Zeit der Kerzen, Plätzchen und scheinheiligen Gutmenschen. Ein Fest, das Nähe und Mitgefühl verspricht, aber vor allem die Bigotterie der Gesellschaft offenbart. Jahr für Jahr erlebe ich das Ritual der Heuchelei – und frage mich, warum wir es immer noch feiern.
Jetzt ist es also wieder so weit. Weihnachten. Jedes Jahr aufs Neue diese eigentümliche kollektive Verabredung, für ein paar Tage so zu tun, als sei unsere Gesellschaft plötzlich empathisch, solidarisch und friedvoll. Als hätten wir verstanden, was Nächstenliebe bedeutet. Und als wäre all das nicht spätestens am 27. Dezember wieder vorbei.
Ich schreibe solch einen Text nicht zum ersten Mal. Leser:innen meines Blogs wissen das. Und genau das ist Teil des Problems. Jahr für Jahr weise ich darauf hin, dass ich kein Freund von Weihnachten bin. Jahr für Jahr halte ich dieses Fest für absurd, aus der Zeit gefallen und vor allem: zutiefst verlogen. Und dennoch scheint sich nichts zu ändern – außer vielleicht die Selbstzufriedenheit, mit der wir diese Widersprüche inzwischen hinnehmen.
Weihnachten ist in Deutschland die Zeit der höchsten Bigotterie. Eine 10-Euro-Spende an eine gemeinnützige Organisation genügt, um das soziale Gewissen fürs kommende Jahr erfolgreich abzuhaken. Ein kurzer Moment des „Wir sitzen doch alle friedlich zusammen“ wird bereits als gesellschaftlicher Beweis für Harmonie gewertet. Und während man sich gegenseitig „besinnliche Tage“ wünscht, blendet man großzügig aus, was außerhalb des eigenen Wohnzimmers geschieht.
Denn kaum ist das letzte Geschenk ausgepackt, wird wieder gehetzt. Gegen all das, was in konservativen und vermeintlich „bürgerlichen“ Kreisen als asozial gilt. Gegen Menschen, die ohnehin schon unter sozialer Not leiden. Gegen Erwerbslose, die – früher Bürgergeldempfänger genannt – offenbar als moralisches Problem wahrgenommen werden. Gegen migrantische Bürger:innen, die unabhängig von ihrem tatsächlichen Verhalten zuverlässig als Störgefühl herhalten müssen.
Diese Gleichzeitigkeit ist es, die Weihnachten für mich so unerträglich macht. Das laute Reden von Werten bei gleichzeitigem Verachten jener Menschen, die diese Werte am dringendsten bräuchten. Es ist kein Zufall, dass diese Widersprüche gerade in der Weihnachtszeit besonders deutlich werden. Denn Weihnachten eignet sich hervorragend zur Selbstinszenierung: als guter Mensch, als mitfühlender Christ, als Teil einer angeblich solidarischen Mehrheitsgesellschaft.
Besonders deutlich wird das, wenn politische Debatten ins Spiel kommen. Die sogenannte „Stadtbild“-Debatte, prominent angestoßen von Bundeskanzler Merz, ist dafür ein Paradebeispiel. Da wird darüber gesprochen, wer angeblich nicht ins Stadtbild passt, wer stört, wer zu viel ist. Diese Sprache ist nicht zufällig. Sie entmenschlicht. Und sie steht in einem grotesken Widerspruch zu all dem, was in diesen Tagen beschworen wird: Frieden, Zusammenhalt, Mitmenschlichkeit.
Weihnachten wird so zu einem Symbol – nicht für Nächstenliebe, sondern für deren Simulation. Für ein kurzfristiges moralisches Aufleuchten, das keinerlei Konsequenzen hat. Für eine Gesellschaft, die sich selbst gerne als warmherzig begreift, aber strukturelle Kälte produziert. Die Mitgefühl als saisonales Accessoire versteht, nicht als dauerhafte Haltung.
Natürlich könnte man sagen: Lass den Menschen doch ihr Fest. Ein bisschen Frieden, ein bisschen Rückzug, ein bisschen Kerzenschein. Und ja, ich verstehe das Bedürfnis nach Ritualen. Nach Pausen. Nach Momenten der Nähe. Aber genau deshalb ist Weihnachten so problematisch. Weil es Nähe verspricht, ohne sie einzulösen. Weil es Werte feiert, die im Alltag systematisch unterlaufen werden.
Wenn Solidarität nur an Feiertagen existiert, ist sie keine. Wenn Mitgefühl an Kalenderdaten gebunden ist, bleibt es folgenlos. Und wenn wir uns einmal im Jahr gegenseitig versichern, dass „wir doch eigentlich alle Menschen sind“, während wir den Rest des Jahres bereitwillig Ausgrenzung akzeptieren, dann ist das kein Frieden – sondern Selbstbetrug.
Ich halte Weihnachten nicht für überflüssig, weil ich zynisch bin. Sondern weil ich glaube, dass echte Menschlichkeit keinen Feiertag braucht. Sie braucht Konsequenz. Sie braucht Haltung. Und sie braucht den Mut, auch dann empathisch zu sein, wenn es unbequem wird – politisch, gesellschaftlich, persönlich.
Vielleicht wäre Weihnachten erträglicher, wenn wir es nicht als Ausnahme, sondern als Maßstab begreifen würden. Wenn das, was wir in diesen Tagen so gerne behaupten, endlich auch außerhalb von Lichterketten und Glühwein gelten würde. Bis dahin bleibt Weihnachten für mich vor allem eines: ein alljährliches Ritual der Heuchelei. Und leider eines, das wir viel zu bereitwillig mitspielen.
Verwandte Blogeinträge
24. Dezember 2017
24 Gründe, Weihnachten zu überdenken
1. Dezember 2017
Ein Aufruf zur Weihnachtszeit
24. Dezember 2015



