Die Ausstellung Sex Now im NRW-Forum Düsseldorf ist vor allem eines: radikal offen. Sie konfrontiert ihre Besucher:innen nicht nur mit Kunstwerken und reichlich Nudität, sondern mit den eigenen Blicken, Haltungen und Unsicherheiten. Und genau darin liegt ihre große Stärke.

Kunst und Gesellschaft haben seit den 1950er-Jahren einen tiefgreifenden Wandel im Umgang mit Sexualität erlebt. Nachkriegszeitliche Moralvorstellungen, geprägt von Verdrängung, Scham und klaren Rollenbildern, wichen Schritt für Schritt einer stärkeren Sichtbarkeit von Körpern, Begehren und sexueller Identität. Die interaktive Ausstellung „Sex Now“ im NRW-Forum Düsseldorf zeichnet diese Entwicklung nach, ohne sie als lineare Erfolgsgeschichte zu erzählen. Vielmehr wird deutlich, wie brüchig, widersprüchlich und konflikthaft dieser Wandel bis heute geblieben ist.

Seit dem 5. September 2025 lädt die Ausstellung dazu ein, Sexualität in all ihrer Komplexität neu zu entdecken – nicht nur als Quelle von Lust, sondern auch als politisches, gesellschaftliches und kulturelles Phänomen. Mit rund 400 Objekten in zehn thematischen Räumen spannt die Schau einen Bogen von Latexmode, Möbeldesign und queerer Fotografie über Medienkunst, Puppen und Toys bis hin zu interaktiven Installationen, die zum Mitmachen und Lernen einladen. Was die Ausstellung besonders eindrucksvoll macht, ist nicht nur die Breite der gezeigten Perspektiven, sondern die Weise, wie sie historische Entwicklungen mit aktuellen Debatten verknüpft. So beginnt die Schau mit einem Blick auf die sich wandelnde Sex-Industrie, die sich von einer überwiegend männlich dominierten Branche hin zu mehr Diversität und weiblicher Prägung verändert hat.

Das Bild zeigt die erste Ausstellungshalle mit seinen Exponaten, die in diesem Foto aufgrund seines FSK18-Contents zensiert worden sind.
„Sex Now“ thematisiert in seiner bunten Ausstellung zahlreiche Themen rund um die Sexualität im gesellschaftlichen Kontext (zensiertes Bild).

Die Ausstellung macht sichtbar, dass Sexualität zwar zunehmend öffentlich verhandelt wird, ihre gesellschaftliche Akzeptanz jedoch nach wie vor stark davon abhängt, wer begehrt, wie begehrt wird und wer darüber urteilt. Neben selbstbewusster Körperlichkeit, queeren Perspektiven und sexueller Selbstermächtigung stehen Arbeiten, die Unterdrückung, sexuelle Gewalt, Fremdbestimmung und normative Zwänge thematisieren. Sexualität erscheint hier nicht als rein privates Vergnügen, sondern als politischer, sozialer und kultureller Raum.

Besonders eindrücklich ist die Konsequenz, mit der Sex Now auch jene Themen aufgreift, die sonst häufig ausgeblendet oder vorschnell moralisch abgewehrt werden. Fetische werden nicht sensationalisiert, sondern als Teil menschlicher Sexualität sicht- und anfassbar gemacht. Ebenso thematisiert die Ausstellung Formen sexuellen Begehrens, die gesellschaftlich hochgradig sensibel sind – etwa die sexuelle Anziehung zu Jugendlichen im Übergang zum Erwachsenenalter, fachlich als Ephebophilie bezeichnet. Gezeigt wird dies unter anderem in Darstellungen junger Männer, die in naturnahen, fast idyllischen Settings erscheinen, umgeben von Farnen, Bäumen und organischen Formen. Diese Bildsprache erzeugt eine irritierende Spannung zwischen Unschuld, Begehren und Projektion.

Gezeigt ist ein japanisch eingerichteter Raum mit großen Lautsprechern an den Wänden, in dessen Mitte eine Liege platziert ist.
Die Ausstellung „Sex now“ wagt den Grad zwischen Darstellen und Erlebnis, wie hier, einem Raum, bei dem ASMR-Klänge stimulierend erlebt werden können.

Gerade diese Ambivalenz zwingt zur Auseinandersetzung. Die Werke geben keine Antworten vor, sie verweigern einfache moralische Eindeutigkeiten. Stattdessen stellen sie Fragen: Wo beginnt Begehren? Wo kippt es in Macht? Wer definiert Grenzen – und aus welcher Position heraus? Zudem fordert die hervorragend kuratierte Ausstellung das eigene Ziehen sexueller und moralischer Grenzen; auch und gerade in der Aufforderung zur Interaktion. Immer wieder ist das eigene Gewissen herausgefordert, welche Interaktion im ungeschützten Raum vertretbar erscheint und welche nicht.

"Sex kann Menschen verbinden, befreien, verletzen und kontrollieren."

Einstiegsthese auf der Ausstellungswebsite

Ein besonders starkes Moment der Ausstellung liegt jedoch nicht allein in den Exponaten und den Fragen, die sie aufwerfen, sondern im aufgespannten künstlich-sozialen Raum dazwischen. Denn er öffnet ein Spannungsfeld, das einen besonderen Reiz ausübt: denn man spürt beim Rundgang die Blicke anderer genauso wie die eigenen Fragen und Unsicherheiten. Es bleibt oft unklar, welche Abbildungen man sich – ohne gewertet zu werden – ansehen kann, ob man sich länger vor einem Objekt aufhalten möchte oder die Reaktion anderer wahrnimmt. Dieses Erleben von Beobachtung und Selbstbeobachtung transportiert die gesellschaftliche Ambivalenz im Umgang mit Sexualität auf einer unmittelbaren, körperlichen Ebene.

„Sex Now“ macht erfahrbar, wie tief verankert Scham, Kontrolle und soziale Regulierung von Sexualität noch immer sind – selbst in einem kulturellen Kontext, der sich als offen und liberal versteht. Die Ausstellung zeigt, dass wir gelernt haben, über Sexualität zu sprechen, aber nicht unbedingt gelernt haben, mit ihr umzugehen. Dass wir Offenheit einfordern, aber schnell urteilen. Dass wir neugierig sind, solange es unseren eigenen Normvorstellungen entspricht. So wird die Ausstellung zu einem Spiegel, der nicht beschönigt. Er ist direkt, manchmal unangenehm, oft herausfordernd. Aber genau darin liegt seine gesellschaftliche Relevanz. Diese Ausstellung lädt nicht zum schnellen Konsum ein, sondern zur Reflexion – über Kunst, über Sexualität und über die eigenen Grenzen des Akzeptablen.

Auf den Fliesen über dem Waschbecken im WC ist handschriftlich vermerkt "Ist es Kunst oder nur Sex"?
Selbst auf dem WC stellt sich die Frage, was eigentlich Kunst oder was Sex ist…

„Sex Now“ nimmt uns beim Wort: die Ausstellung ist offen und tabulos – und doch schärft sie den Blick für die vielen subtilen Schranken, die wir im Kopf, in Normen oder in sozialen Erwartungen tragen. Sie zeigt, dass Sexualität zwar sichtbarer geworden ist, aber nicht automatisch verständlicher oder selbstbestimmter. Es geht nicht allein um Erotisierung, sondern um Selbstermächtigung, um politische und kulturelle Positionierungen, um Fragen von Zustimmung, Macht und Verantwortung. So wird „Sex Now“ zu einem Spiegel, der nicht beschönigt. Er ist direkt, manchmal unangenehm, oft herausfordernd. Und genau darin liegt seine gesellschaftliche Relevanz. Diese Ausstellung lädt nicht zum schnellen Konsum ein, sondern zur Reflexion – über Kunst, über Sexualität und über die eigenen Grenzen des Akzeptablen.

„Sex Now“ wird noch bis zum 3. Mai 2026 gezeigt. Tickets kosten EUR 9,50. Es gibt eine Reihe von Ermäßigungen. Mehr Informationen und Tickets gibt es auf der offiziellen Website.

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