Seit vielen Jahren treibt Volkswirtschaftler aus aller Welt eine Zukunftsutopie um: das Bedingungslose Grundeinkommen. Dass es kommen muss, darüber scheiden sich die Geister. Dass die Digitalisierung aber langfristig gar nicht mehr genügend Erwerbsquellen bieten wird, ist dagegen sicher. Jetzt ist ein Film erschienen, der sich exklusiv mit dem Grundeinkommen und dieser Vision auseinandersetzt: „Free Lunch Society“.

Der Kinosaal ist prall gefüllt. Das Tuscheln der Zuschauer endet, als sich der orangefarbene Vorhang unter leisem Gequietsche von links nach rechts quält. Ein paar einleitende Worte spricht ein junger Mann, der sich als Micha von der Initiative meingrundeinkommen.de vorstellt. Floskeln wie „Wir sind viele“ spannen den Motivationsrahmen hin zum eigentlichen Film, für den das Publikum in das Frankfurter Filmtheater „Orfeos Erben“ gekommen ist: „Free Lunch Society — Komm komm Grundeinkommen“.

Der Titel des Films geht zurück auf US-Präsident Ronald Reagan. Mit den Worten „There’s no such thing as a free lunch“, war er es, der in den USA den sogenannten „Family Assistance Plan“ vor seiner Umsetzung im Senat stoppte. Dieser darf heute quasi als früher Planentwurf zur Grundidee eines Bedingungslosen Grundeinkommens verstanden werden. Bereits in den 1960er Jahren wurden in Kanada und in den USA vielversprechende „Basic Income“-Experimente durchgeführt. Es schien, als wäre ein Grundeinkommen bereits damals als Lösung für tiefgreifende volkswirtschaftliche Probleme erkannt worden.

Bis Reagan an die Macht kam. Reagan vertrat die Ansicht, dass in absolut freien Märkten Wohlfahrtseffekte von wirtschaftlich höheren Schichten nach unten durchsickern. Das damals als „Trickle-Down“ bezeichnete Prinzip fand Gehör. Auch wenn es sich recht schnell als fehleingeschätzt herausstellte. Seit den 80ern schlummerte also die Option Grundeinkommen eine ganze Weile. Dennoch ist die Utopie nie völlig gestorben. Im Gegenteil. Mit dem rasenden Tempo der Digitalisierung und der Abnahme an benötigter Arbeitskraft wird der Weckruf nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen wieder lauter.

Aufblende. Weltraumaufnahmen von der Erde sind zu sehen. Wenig später spricht Captain Picard aus der Serie Star Trek: das nächste Jahrhundert. Materialismus? Nicht mehr im 24. Jahrhundert! Bereits früh im Film fühlt man sich an die Bildführung der nicht unumstrittenen Dokumentarfilme der Zeitgeist-Reihe erinnert. Musik und Schnitt der Szenen erschaffen eine zukunftsträchtige, gar visionäre Stimmung.

dm-Gründer Götz Werner in „Free Lunch Society“, (c) GOLDEN GIRLS Filmproduktion & Filmservices GmbH

Deutschland, Kanada, USA und Namibia: Regisseur Christian Tod nimmt den Betrachter mit auf eine geografische und geschichtliche Reise zum Grundeinkommen, flankiert von einigen Visionären der Branche: dm-Gründer Götz Werner, Computerwissenschaftler Marshall Brain, Ökonom Emmanuel Saez, der libertäre Politikwissenschaftler Charles Murray und einige mehr. Filmausschnitte aus den dazu passenden Epochen garnieren das Verständnis des jeweiligen ökonomischen Zeitgeists und zeigen, dass auch in der Vergangenheit schon – gerade in Nordamerika – nicht nur mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen geliebäugelt oder experimentiert sondern selbiges beinahe realisiert worden wäre.

« There's no such thing as a free lunch. »

Ronald Reagan, 40. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Der Film ist unterhaltsam gestaltet. Er ist kurzweilig, anschaulich und zu keiner Zeit in irgendeiner Art und Weise belehrend. Das Aufzeigen der Erkenntnis, dass die Digitalisierung nicht nur die vermeintlich einfachen Arbeitsstellen überflüssig macht, sondern zunehmend auch High-End-Jobs, ist bedrückend und befreiend gleichermaßen. Bedrückend, weil dem Betrachter bewusstwird, dass Wirtschaftswachstum schon längst nicht mehr durch Arbeit geschaffen wird, sondern durch Kapital. Befreiend, weil die Fragen „Wem gehören eigentlich natürliche Ressourcen?“ und „Wem werden Roboter gehören?“ das Gehirn durch die geschilderte Realisierbarkeit eines Grundeinkommens auf neue Utopieebenen heben.

Filmstill aus Free Lunch Society
Filmstill aus Free Lunch Society, (c) GOLDEN GIRLS Filmproduktion & Filmservices GmbH

Das Bedingungslose Grundeinkommen, so stellt der Film recht deutlich klar, verschiebt die Machtverhältnisse auf der Welt. Und genau dort liegt der Knackpunkt. Politische und wirtschaftliche Eliten werden genau das nämlich zu verhindern versuchen. Daher fallen in der Konsequenz in diesem Film auch Begriffe wie „Klassenkampf“. Anschaulich gemacht wird der Begriff durch Martin Luther King. Auch er forderte in seinem Kampf um Bürgerrechte bereits ein Grundeinkommen.

Der Film bietet 95 Minuten voller Denkanstöße und Visionen. Wer sich mit dem Themenkomplex rund um das Bedingungslose Grundeinkommen beschäftigen möchte, ist mit dem Streifen sehr gut beraten. Wer jedoch eine ausgewogene, distanzierte oder journalistische Perspektive auf das Grundeinkommen einnehmen möchte, der wird durch das gänzliche Fehlen von kritischen Stimmen enttäuscht.