Das Onlinelexikon Wikipedia fasst Virtuelle Realität als „Darstellung und gleichzeitige Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung“ zusammen. Dass virtuelle Welten aber diese Definition durchaus sprengen können und auch mit analogen Installationen wirken, zeigt die Ausstellung „Perception is Reality“, die derzeit noch im Frankfurter Kunstverein zu sehen ist. Der Social Media Club Frankfurt hat uns dorthin zum #FKVSMCFFM geladen.

Als mich mein lieber Freund Sven vor einigen Monaten einlud, seine Virtual Reality-Brille zu testen, verwandelte ich mich von einem fünfunddreißigjährigen Erwachsenen zurück in ein staunendes Kind. Das Programm, das er mir an seinem PC zeigte, war von naturwissenschaftlicher Prägung und ließ mich die Weltraummission Apollo 11 mit der bekannten Mondlandefähre „Eagle“ aus diversen Blickwinkeln nacherleben. Das Eintauchen in diese virtuelle Welt, in der meine eigene Bewegung das Geschehen bestimmte, erschien mir so real, dass ich schnell vergaß, mich eigentlich in einem Wohnzimmer zu befinden.

Eine VR-Brille ist der Zugang zum Kunstwerk Wetware

Mit dieser Faszination im Gepäck zog mich auch die kürzlich ausgesprochene Einladung des Social Media Clubs Frankfurt zu einem Social Media Walk im Frankfurter Kunstverein sehr an. Nicht nur, weil die dort gezeigte Ausstellung „Perception is Reality“ den Rahmen von zeitgenössischer Kunst auf virtuelle Ebenen hebt, sondern auch – man darf es kaum glauben – ich trotz fünfunddreißig Lebensjahren in Frankfurt am Main noch nie im Frankfurter Kunstverein zu Gast war.

„Perception is Reality“ mag auf Deutsch übersetzt so viel heißen wie „die Vorstellung (oder auch die Wahrnehmung) wird Realität“. Und dieser Ausstellungstitel ist wahrlich treffend gewählt. In dieser thematischen Gruppenausstellung untersuchen „die ausstellenden Künstler die neuen Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung im Verhältnis zu technisch konstruierten Wirklichkeiten“. Was sich im Veranstaltungsprospekt etwas hölzern liest, trifft den Kern der Schau aber exzellent. Die Digitalisierung und Technologisierung der zeitgenössischen Kunst zeigen auf, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Plastizität und Virtualität, sowie zwischen Installationen und unbegrenzt scheinenden Fiktivwelten verschwimmen, teilweise auch gesprengt werden.

Das Kunstwerk 'Run Motherfucker Run' im Frankfurter Kunstverein

Die Ausstellung stellt die Frage nach den grundlegenden Bedingungen von Wahrnehmung heute und wie wir unsere Auffassung von Wirklichkeit daraus konstruieren. Technologische Systeme haben Menschen, Daten und Prozesse immer enger miteinander vernetzt. Immersive Technologien werden zunehmend die analoge Umgebung mit virtuellen Datenräumen ersetzen und somit radikal die Art und Weise verändern, wie wir sozial interagieren, arbeiten und wie wir unsere Freizeit gestalten.

Franziska Nori, Kuratorin 'Perception is Reality'

The Garden Room - von Hans op de Beeck

Die Schau zeigt Werke von zeitgenössischen Künstlern. Die Auswahl umfasst: Thomas Demand, Alicja Kwade, Marnix de Nijs, Hans op de Beeck, David O’Reilly, Manuel Rossner, Christin Marczinik und Thi Binh Minh Nguyen sowie Toast. Auch das Bayerische Landeskriminalamt steuert VR-Werke zu dieser Ausstellung bei, die sich über sämtliche Etagen des Frankfurter Kunstvereins erstreckt.

Das besondere an dieser Kuration ist die Zusammensetzung aus digital geprägten Kunstwerken, die für das Erleben den Einsatz einer Virtual-Reality-Brille erfordern als auch teils digitalisierte teils analoge Kunstwerke, die den Einsatz des Empfängers erfordern. Der Besucher nimmt dort also die Rolle des in den Wirtschaftswissenschaften so benannten Prosumenten (Kunstwort aus „Produzent“ und „Konsument“) ein.

Ab in virtuelle Welten mit der VR-Brille

Normalerweise führe ich in Blogbeiträgen genau an dieser Stelle gerne Highlights der Ausstellung auf. Nun ist es aber so, dass ich dann „spoilern“ würde, was genau in welchen digitalen und virtuellen Welten in dieser Ausstellung erlebt werden könnte. Das würde aber den Erlebnischarakter der Ausstellung zerstören. Daher sollen einfach die untenstehenden fotografischen Impressionen sowie die im Video nähergebrachten Kunstwerke für sich sprechen.

Resümee: Die Besucher der Gruppenausstellung „Perception is Reality“ werden recht schnell begreifen, welche Perspektiven die Digitalisierung und Technologisierung auf die zeitgenössische Kunst haben und noch haben werden. Die Gedankenexperimente, die diese Schau aufwirft, lassen Grenzen zwischen Virtualität und Realität verwischen. Und genau das macht diese Ausstellung so wertvoll. VR-Technologien werden unser zukünftiges Leben mehr und mehr bestimmen, sowohl in Alltagsbenutzung, als auch in neuen künstlerischen Welten. Die von Kuratorin Franziska Nori kuratierte Präsentation „Perception is Reality“ ist eine gelungener Denk- und Philosophieanreiz, wohin uns künstliche (Doppeldeutigkeit an dieser Stelle erwünscht!) Welten führen könnten.

Apropos: Da fällt mir ein, dass ich Sven mal wieder anrufen könnte. Er hat noch andere VR-Programme auf seinem PC. Vielleicht ist er bereit, mich noch einmal in eine ferne, virtuelle Realität zu entführen. Vielleicht tut es aber auch einfach ein nettes Gespräch und ein Kaffee.