Versunken in mein Smartphone ordne ich ein Handyfoto einem Tweet zu, versehe es mit dem Hashtag #histmussmcffm und schicke es in die Welt. Genauso wie viele andere Teilnehmer des Social Media Walks des Historischen Museums und des Social Media Clubs Frankfurt an diesem Abend. Doch plötzlich pafft eine ältere Museumsbesucherin uns lautstark an: „So schafft sich das Museum selber ab!“

Ich schrecke hoch. Da stehe ich nun, bepackt mit Fotoapparat und Actionkamera auf einem Handstativ in der einen Hand, meinem Smartphone und der geöffneten Twitter-App in der anderen Hand. Der Social Media Club Frankfurt lud gemeinsam mit dem Historischen Museum Frankfurt zu einem Social Media Walk durch das vor zwei Wochen neu eröffnete Museum. Ich bewarb mich dafür, wurde eingeladen und nun war ich mittendrin in einer Gruppe museumsinteressierter Menschen, die sich für zwei Stunden zur Aufgabe gemacht haben, mit ihren Smartphones, Foto- und Filmkameras das Museum zu erobern.

Das Konzept des Social Media Clubs Frankfurt für seine Social Media Walks ist simpel: die Teilnehmer erkunden die Örtlichkeiten des Gastgebers mit ihrem vertrauten Medium und veröffentlichen Tweets, Posts, Bilder und Videos unter einem speziellen Hashtag auf den von ihnen genutzten sozialen Netzwerken. Sehr häufig führt diese sprudelnde Quelle aus multimedialen Inhalten dazu, dass der gewählte Hashtag „trendet“ und so die Inhalte einer breiten Rezipientenmasse zugänglich macht.

Für mich war es bereits der sechste Social Media Walk in Gesellschaft des SMC Frankfurt. Neben der netten Gesellschaft und dem intensiven Netzwerken, war es gerade das naive Erkunden neuen kulturellen Terrains, dem ich den Mehrwert dieser Veranstaltungen zuschrieb. Es gab (und gibt) für mich nichts erquickenderes, als nach einem solchen Walk die ganze Bandbreite der Entdeckungen anderer Gruppenmitglieder zu durchforsten und festzustellen, welche interessante Perspektiven andere Menschen an dem genau gleichen Ort gefunden haben.


"Stellt doch alles ins Internet und schafft Euch ab!"

Echauffierte Museumsbesucherin

Da sitzt sie nun vor zahlreichen Gemälden im Ausstellungsraum und doch gleichzeitig inmitten unserer Besuchergruppe. Diese adrett gekleidete Dame, deren echauffierendes Verhalten so gar nicht ihre äußere Erscheinung abbildet. Sie ist außer sich vor Rage und schimpft wild gestikulierend (Zitat nach Gedächtnisprotokoll):

„Schaffen Sie doch dieses Museum gleich ab! Wenn Sie hier alles fotografieren und abfilmen brauchen wir auch dieses Gebäude nicht mehr!“

Auch die Vermittlungsversuche von Frau Dr. Nina Gorgus, die uns seitens des Museums durch die Ausstellung führt, sowie von Katja Kupka, die seitens des Social Media Clubs Frankfurt die Social Media Walks gemeinsam mit Paul Dylla organisiert, schlugen fehl. Die Dame verharrte stur auf ihrer Meinung. Ein Museum dürfe nur linear-analog wahrgenommen werden. Fotografien, das Herausgeben durch Informationen durch Posts in sozialen Netzwerken, Videos, all dies verstoße gegen ihre moralische Sicht und den Respekt gegenüber den Werken und ihren Schaffern.

„Stellt doch alles in Internet und schafft Euch ab!“

blaffte sie Frau Dr. Gorgus vom Historischen Museum an.

Es schien als hätte diese wilde Horde digital agierender Menschen „ihr Museum“ unter Beschlag genommen, um jedes einzelne Subjekt zu erfassen und zu einem weiteren digitalen Fragment zu machen, das wie zahllos andere Informationen in einer großen sozialen Blase umherirren. Das mag sie dazu bewegt haben, eine Abwertung jedes einzelnen Ausstellungsobjektes zu empfinden. Und das wiederum schien ihr Kunst- und Museumsverständnis so zu beleidigen, dass sie jedem Dialogversuch wie ein gekränktes Kind aus dem Wege ging.

Und schon stellt sich bei mir ein Déjà-vu ein. Erst beim letzten Social Media Walk wurde ich mit der moralischen Frage konfrontiert, ob es denn in Ordnung sei, mittels eines solchen Social Media Walks die (tragische) Geschichte eines Friedhofs zu erforschen. Nun fordert meine Reflektion wieder eine Auseinandersetzung.

Die Frage ist, ob man durch die Präsenz von Fotos, Videos, Eindrücken und Informationshappen in den sozialen Netzwerken tatsächlich das eigentliche Museum obsolet macht.

Die Lösung dieses Gewissenskonfliktes liegt im Museum selbst. Und selbiges bietet dazu auch eine klare und eindeutige Antwort. Das Historische Museum selbst ist es, dass dem digitalen Erforschen von Museumsinhalten innerhalb der eigenen Räumlichkeiten, aber auch außerhalb der Museumsmauern den Nährboden bereitet hat. Zum einen durch gezielte Aufforderung, sich mit Geschichte, Menschen und Stadt auseinanderzusetzen, wie in den Projekten „Stadtlabor“, „Stadtlabor Digital“ und „Bibliothek der Generationen“, zum anderen durch die Museumslandschaft im Inneren des Museum selbst.

Das neu eröffnete Historische Museum ist schlichtweg spektakulär gestaltet. Es bietet eine Achterbahnfahrt zwischen schlichten Exponaten, digitalen Inhalten, zusammengefassten Themenschwerpunkten und außergewöhnlichen Präsentationsweisen. Die Ausstellungskonfiguration ist absolut Interaktiv, mit sehr gut verständlichen Informationen aufbereitet und entspricht dem event- und erlebnisgeprägten Zeitgeist. Die Ausstellung fasziniert Frankfurter Bürger genauso, wie diejenigen, die bislang wenig Berührungspunkte mit der Mainmetropole aufweisen konnten.

Und um die Kernfrage aufzugreifen: das Historische Museum wünscht sich nicht nur, dass über sich gesprochen wird, sondern es begreift das als Teil der konstant wachsenden Geschichte des Museums. Ich würde sogar soweit gehen, zu paraphrasieren, das Historische Museum hat sich selbst als Aufgabe gemacht, die digitale Kultur in den Sozialen Netzwerken als Informations- und Geschichtsquelle aufzunehmen, zu selektieren und zu verwerten.

Man braucht keine lange Diskussion, kein langes moralisches Abwägen von Pro und Contra, um zu erkennen, dass Social Media Walks nicht dazu dienen, Museen oder seine Inhalte zu entwerten oder abzuschaffen. Das Erfassen von Inhalten dient dem Zugang solcher Erforschungssubjekte für eine wachsende digitale Gemeinschaft, die wiederum neue Zielgruppe für den Vor-Ort-Besuch ist. Das Abfotografieren von Inhalten, das Posten über Fakten und Informationen ist keine Aneignung von Inhalten anderer, sondern erhält Erinnerungen, schafft geschichtliche Wertigkeit und erfüllt seine Multiplikationsfunktion.

Um es mit den Wortern eines großen Frankfurters zu sagen:

"Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt."

Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen, 495

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